"Die Parabel des Säure": Ein radikal ehrlicher Blick auf dicke Körper und Identität
Hellmuth Ortmann"Die Parabel des Säure": Ein radikal ehrlicher Blick auf dicke Körper und Identität
Eine mutige neue Performance: Die Parabel des Säure erkundet das Leben und die Identität dicker Menschen
Unter der Regie von Rébecca Chaillon bricht Die Parabel des Säure mit Konventionen und setzt mit roher, unkonventioneller Kraft neue Maßstäbe. Das Stück beginnt damit, dass Julie Teuf der Zuschauerschaft Butter verteilt – zum Kosten und als Eintritt in eine Verlosung. Performende in goldener Unterwäsche folgen mit provokanten Aktionen: Sie stürzen sich in Fressgelage, wickeln sich in Alufolie, posieren wie Bodybuilder, trinken Öl aus Thunfischdosen und inszenieren groteske Szenen aus The Biggest Loser nach.
Die Waage wird zum zentralen Symbol, während die Darstellenden zwischen gemeinsamem Leid und Überlebenswillen oszillieren. Inspiriert von Octavia Butlers Parabel des Sämanns lotet das Werk die „Magie des Glaubens“ aus. Es speist sich auch aus den Biografien einer Popikone und einer Astrophysikerin, die – wie Chaillon selbst – aus einer stigmatisierten Banlieue stammen. Der französische Originaltitel La Parabole du Seum spielt mit Mehrdeutigkeiten: Parabel, Satellitenschüssel und Wut.
Die fast drei Stunden lange Aufführung vereint berührende, atemberaubende Momente mit gelegentlichen Längen. Chaillon, die sich selbst als schwarze, dicke, kinderlose, alternde Lesbe beschreibt, prägt mit ihrer einzigartigen Stimme die französische Kulturszene. Das Stück wirft einen schonungslosen Blick auf dicke Identitäten – durch provokante, vielschichtige Performances. Seine Themen und Bilder hinterlassen Spuren und entfachen Debatten über Glauben, Kampf und Repräsentation.






