Kulturstreit im HKW: Warum Künstler das Berliner Haus boykottieren
Oswin MosemannKulturstreit im HKW: Warum Künstler das Berliner Haus boykottieren
Berlins Haus der Kulturen der Welt (HKW) steht seit 2023 zunehmend in der Kritik, als Bonaventure Soh Bejeng Ndikung als erster Intendant of Color die Leitung der renommierten Einrichtung übernahm. Die für ihr internationales Programm bekannte Institution gerät nun ins Zentrum politischer und kultureller Kontroversen. Aktuelle Vorfälle – darunter die Absage eines Rap-Konzerts und eine Welle von Künstlerboykotten – rücken das Haus verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit.
2023 übernahm Ndikung die Leitung des HKW und markierte damit einen historischen Wandel: Erstmals stand eine große deutsche Kultureinrichtung unter der alleinigen Führung einer Person of Color. Sein Ansatz, oft als "postkolonial" beschrieben, stieß jedoch schnell auf Widerstand aus Teilen des deutschen Kulturbetriebs. Trotz der Kritik setzte das Haus seine internationale Ausrichtung fort, etwa mit einem Konzert des haitianischen Saxophonisten Jowee Omicil im Jahr 2024.
Ein Wendepunkt folgte 2025, als der schwäbische Rapper Chefket – vom Goethe-Institut zum "Rap-Botschafter" ernannt – im HKW auftreten sollte. Die Veranstaltung wurde kurzfristig abgesagt, nachdem er ein T-Shirt mit der Aufschrift "Palästina" trug, das arabische Kalligrafie in einer Form zeigte, die an die Grenzen Israels erinnerte. Kulturminister Wolfram Weimer griff ein, was schließlich zur Absage führte. Als Reaktion zogen alle anderen deutschen Künstler, die im HKW geplant waren, ihre Teilnahme aus Solidarität zurück – das Haus stand plötzlich isoliert da.
Die Folgen beschränkten sich nicht auf das HKW. Bis Anfang 2026 sah sich das Goethe-Institut mit Überprüfungen seiner Fördergelder konfrontiert, und im gesamten Kulturbereich wurden Kürzungen bei als umstritten geltenden Künstlern und Initiativen vorgenommen. Betroffen waren unter anderem die Lyrikerin Hengameh Yaghoobifarah und das Kollektiv Schwarze Risse, deren Förderung im Frühjahr 2026 reduziert wurde. Der Satiriker Jan Böhmermann hatte unterdessen eine Ausstellung im HKW mit dem Titel Die Möglichkeit der Unvernunft geplant – doch ihr Schicksal bleibt angesichts der anhaltenden Auseinandersetzungen ungewiss.
Obwohl das HKW in unmittelbarer Nähe zum Kanzleramt liegt, wurde es von der Bundespolitik lange kaum beachtet. Die jüngsten Kontroversen jedoch zwingen die Institution nun in die breitere Debatte über kulturelle Freiheit, Förderpolitik und politischen Einfluss in Deutschland.
Die Absage von Chefkets Auftritt löste eine Kettenreaktion aus: Künstler boykottierten das HKW, und die Kürzungen griffen auf den gesamten Kulturbereich über. Der Vorfall legt die Spannungen zwischen politischer Aufsicht und künstlerischer Unabhängigkeit offen. In der Folge stehen nun auch Einrichtungen wie das Goethe-Institut unter schärferer Beobachtung, während Initiativen wie Schwarze Risse mit gekürzten Mitteln zurechtkommen müssen.






