Schillers Wallenstein trifft auf Prigoschin: Moskaus provokante Theaterpremiere
Anto SchülerSchillers Wallenstein trifft auf Prigoschin: Moskaus provokante Theaterpremiere
Eine kühne Neuinszenierung von Schillers Wallenstein feiert Premiere in Moskau – eine Verschmelzung von Barockdrama und modernem russischen Konflikt
In Moskau hat eine mutige Neuinterpretation von Friedrich Schillers Wallenstein Premiere gefeiert, die das Drama des 17. Jahrhunderts mit den aktuellen Machtkämpfen in Russland verbindet. Regisseur Jan-Christoph Gockel und der russische Künstler Sergei Okunev setzten den Stoff radikal neu in Szene, indem sie deutliche Parallelen zwischen dem historischen Feldherrn und Jewgeni Prigoschin, dem verstorbenen Chef der Wagner-Gruppe, zogen. Die siebenstündige Produktion verband Theater, Recherche und eindringliche Bilder, um Macht, Verrat und die menschlichen Kosten des Krieges zu erkunden.
Der Abend begann mit einer Vortragsperformance des russischen Künstlers Serge, der Prigoschins Aufstieg vom Sträfling zum Wagner-Boss analysierte. Mit einem Zauberspruch aus Harry Potter verwandelte er Angst in schwarzen Humor und inszenierte den Krieg als groteskes Festmahl. Anschließend beobachtete das Publikum, wie das Ensemble an einer langen Küchenzeile kochte – eine surreale Schlachtszene entstand, auch wenn spätere Versuche, die Metapher weiterzuführen, an Wirkung verloren.
Gockels Bearbeitung kürzte Schillers Originaltext stark, bewahrte jedoch dessen zentrale Themen. Auf der Bühne erschien eine kleine Puppe des Schauspielers Samuel Koch, bedient von Michael Pietsch, während Koch selbst – seit einem Unfall 2010 gelähmt – kurz in Erscheinung trat, die Arme bewegte und einen einzigen Satz sprach. Seine Präsenz unterstrich die Zerbrechlichkeit menschlicher Kontrolle, ein Motiv, das durch eine mechanische Vorrichtung verstärkt wurde, die seinen Körper wie eine Marionette dirigierte.
Okunevs Recherchen über Wagner-Söldner prägten die Inszenierung auf provokante Weise. Prigoschin-Doubles füllten die Statistenrollen, während Videoprojektionen echte Reden und Kampfaufnahmen der Wagner-Gruppe während der Schlachtszenen zeigten. Schillers Schilderungen von Lagerchaos und Verrat wurden mit modernen Symbolen neu interpretiert: Banner privater Militärfirmen, Meuterei-Rufe und Anspielungen auf Prigoschins Rebellion 2023. Das Ergebnis war ein dialektisches Aufeinandertreffen von Wallensteins Schicksal und Prigoschins Untergang, gerahmt als ein Schlachtfest in sieben Gängen.
Die Aufführung dauerte sieben Stunden, unterbrochen von drei Pausen. Zwar wirkten einige experimentelle Elemente holprig, doch die Verschmelzung von Geschichte und Gegenwart hinterließ einen bleibenden Eindruck – vor allem, weil sie das Publikum zwang, sich mit der zyklischen Natur von Krieg und Machtstreben auseinanderzusetzen.
Die Moskauer Premiere verband Schillers Klassiker mit Russlands jüngsten Umbrüchen und spiegelte Prigoschins Aufstieg in Wallensteins Fall. Die Produktion, eine Mischung aus Theater, Recherche und provokanter Bühnenbildnerschaft, bot keine einfachen Antworten. Stattdessen legte sie schonungslos die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart offen und überließ es dem Publikum, sich mit den anhaltenden Folgen von Macht und Konflikt zu konfrontieren.






